"Weihnachten mit den Poppenstedts"

Von Stefan Krulle                                                                                        

"Do Pop know it's christmas time? - Eine kleine Anatomie des Weihnachtssongs"

Von Hanna Klimpe           






Früher haben Bäcker und Konditoren, die gute Kringel backen konnten, im Dezember gute Weihnachtskringel gebacken. Irgendwie machte das Sinn. Und früher haben auch Sänger, die sich über Jahre sowieso mit Schmalz und Kitsch einen schönen Lebensstandard finanzierten, im Dezember mal ein Weihnachtslied aufgenommen. Irgendwann aber wurden daraus dann ganze Alben, die blöderweise auch noch weggingen wie die warmen Semmeln, selbst wenn der Bäcker kein guter und der Lieferant ein Schlitzohr war.

Heute ist das komplette Vorweihnachtsgeschäft als schamloser Zynismus fast weltweit akzeptiert, warum also sollte sich in einer Musikindustrie, die lange schon bewegungsunfähig im Rettungsring hängt und ja leider nicht ernsthaft "Systemrelevanz" für sich beanspruchen und auf Fremdrettung hoffen kann, noch länger jemand zieren, am Wettlauf um Bares teilzunehmen? Und so rollt sie also wieder einmal auf uns zu und über uns hinweg, die Lawine mehr oder weniger lapidarer Weihnachtsalben, gespeist aus den letzten Ressourcen, bei denen noch Milch und Honig anstelle von Frusterlebnissen und Tränen fließen könnten.

Doch so wie jede Verzweiflungstat birgt auch die Weihnachts-Offensive der Plattenfirmen ihre zumindest skurrilen Momente. Vor gut einem Jahr etwa feierte das Motown-Label seinen 50. Geburtstag mit opulenten CD-Boxen und anderem Sammlerfutter. Dieses Jahr indes werden dort, wo man sich vor 20 Jahren schon von fast allen alten Tugenden verabschiedet hatte und die Produktion lieber auf schwarze Meterware umstellte, Weihnachtsplatten alter Motown-Helden wiederveröffentlicht, von denen eigentlich bloß eine einzige den Stein ins Rollen gebracht haben kann: Die "Christmas Collection" der Jackson 5. Das kann doch nur, das muss doch jetzt ganz einfach genau das Produkt sein, nach dem jeder sucht. Mit dem die Tochter den Papa, die Mama den Sohn und alle zusammen notfalls auch noch Oma und Opa beschenken könnten. Denn vorne steht der mittlerweile tote Michael, er lächelte damals noch und war sogar ein Schwarzer, ganz genau wie seine Brüder.

Musikalisch jedoch sind wir mit diesen Liedern bei weitem noch nicht im Kellergeschoss des großen, bunten X-Mas Sale angelangt. Seit einiger Zeit nämlich veröffentlichen Künstler, die ihre Kredibilität als güldene Ehrenplakette an die Brust genagelt tragen, auf einmal gänzlich unvermutet Weihnachtsplatten. Den Anfang machte vor nunmehr drei Jahren die wunderbare Aimee Mann, Songwriter-Ikone und streitbare Kämpferin für die Unabhängigkeit eines jeden Kulturschaffenden von den Zwängen des Marktes, mit ihrem Album "One More Drifter In The Snow", und besang das "Winter Wonderland" ebenso wie "White Christmas". Dieses Jahr allerdings zeitigt eine Weihnachtsplatte, die kein Mensch ernsthaft je in Betracht gezogen hätte. His Bobness himself, Robert Allen Zimmerman, also: Dylan setzte sich auf den Schlitten hinter Rudolph, The Red Nose und greinte, nölte, nasalierte Lieder zur Bescherung vor sich hin. Seither rätselt das Feuilleton, ob es sich hier um einen derben Akt ironischer Blasphemie, Bob's eigene Form der Riesterrente oder senilen Altersstarrsinn handeln dürfte.

Das Schöne aber an dieser Platte wie auch allen anderen, dem Heiligen Abend gewidmeten Musikaufnahmen ist ja dies: Kurz nach Sylvester sind sie vergessen. So spät auch nur deshalb, weil das Umtausch-Geschäft für gewöhnlich in den ersten Tagen des neuen Jahres abgewickelt wird. Wenn der Bäcker schon wieder bei den ganz normalen Kringeln ist.

 

Früher, als es noch keine Popmusik gab, war Weihnachten noch einfacher. Da gab es "Stille Nacht, heilige Nacht", "Oh du Fröhliche" und diverses anderes Liedgut mit etwas steifem Vokabular ("Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart") und einfachen Melodien, die wie geschaffen waren für Blockflötenanfänger, die noch mit ihrer Nervosität und der Koordinierung ihrer Wurstfinger zu kämpfen hatten. Weihnachten ist die einzige Zeit im Jahr, in der Volkslieder eine Daseinsberechtigung haben, und in der Menschen singen, ohne dass es ihnen peinlich ist, dass sie keinen Ton treffen, und das ist doch eine schöne Sache (auch wenn es nicht ganz so schön klingt).

Aber irgendwann kam jemand auf die Idee, Weihnachtslieder müssten cool und modern sein. Das führte dann zu   Compilations wie "Rock Christmas" und Songs wie dem moralinsauren "Do they know it's christmas time", vom ebenso unvermeidlichen wie unverzeihlichen "Last Christmas" ganz zu schweigen. Selbst die Weihnachtssongs von Größen wie John Lennon oder Paul McCartney klingen furchtbar schnulzig und gehen kein Stück ans Herz. Popsongs müssen zur Weihnachtsszeit zwangsläufig scheitern, weil Popmusik vom Zeitgeist lebt und Weihnachten völlig anachronistisch ist. Ich will an Weihnachten schief singen und in nostalgischen Kindheitserinnerungen frönen und nicht George Michael hören, da muss ich nur wieder an Oralsex in öffentlichen Pissoirs denken!

Es gibt nur einen einzigen Weihnachtspopsong, der neben "Ihr Kinderlein kommet" und "Oh du Fröhliche" bestehen kann, und das ist Jack Johnsons Cover von "Rudolph the red-nosed reindeer", dem Herr Johnson - als Hawaiianer besonders gut über die Psyche von Rentieren informiert - noch eine Strophe hinzugefügt hat. Nachdem nämlich die anderen Rentiere, die Rudolph zuvor wegen seiner roten Nase belacht habe, ihm nun zujubeln, folgt noch ein überaus niedliches Lehrstück über Toleranz, das ganz arg prima zum Fest der Liebe passt:

"Rudolph, the red-nosed reindeer you'll go down in history."

Well Rudolph he didn't go for that
he said "I see through your silly games"
How could you look me in the face
when only yesterday you called me names?
Well all of the other reindeers man,
well they sure did feel ashamed,
"Rudolph you know we're sorry,
we're truly gonna try to change!"

Merry Christmas